Glück im Alter

von Nils Horn

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Abstract

Das Alter kann eine gute Zeit werden, wenn wir nach positiven Grundsätzen leben. Es gibt einen Weg des Glücks im Alter. Finde ihn und gehen ihn.

Mein Vortrag im Altersheim

 

Vor einigen Jahren war ich in einem Altersheim. Ich habe dort einen Vortrag über das positive Denken gehalten. Es war ein großes Altersheim. Aber nur 17 von den vielen alten Menschen interessierten sich für das positive Denken. Dabei hätten alle alten Menschen mein Wissen dringend gebraucht.

Die alten Menschen in Deutschland haben äußerlich normalerweise alles, was sie brauchen. Sie haben eine Wohnung, genug zu essen und auch Pflege, wenn es nötig ist. Was ihnen fehlt, ist die Positivität. Ihnen fehlen innerer Frieden, innere Harmonie und Lebensfreude. Ihnen fehlt eine Lebensaufgabe. Ihnen fehlt inneres Glück.

Ich habe festgestellt, dass die meisten alten Menschen an Trauer, Einsamkeit, Sinnlosigkeit und Negativität leiden. Sie denken ständig an das Negative auf der Welt. Sie denken an ihre Krankheiten, ihre Probleme, ihre Einsamkeit und an die vielen schrecklichen Dinge auf der Welt. Sie konzentrieren sich auf das Negative und zerstören dadurch systematisch ihr inneres Wohlbefinden.

Ein gutes Beispiel dafür war meine Tante Senta. Im Fernsehen gefielen ihr die Filme nicht. Zuhause war es langweilig. Aber wegzugehen, andere Menschen zu treffen, etwas zu unternehmen, war ihr zu anstrengend. Um Yoga-Übungen zu machen, zu meditieren oder positive Bücher zu lesen, fehlte ihr die Selbstdisziplin. Das Einzige, womit sie sich beschäftigte, waren ihre Krankheiten. Der einzige Mensch, der sie regelmäßig besuchte, war ihr Arzt.

Ich unterhielt mich mit einer Altenpflegerin. Sie erzählte mir, dass die Menschen sehr unterschiedlich auf das Alter reagieren. Manche Menschen kommen ins Altersheim und geben sich selbst auf. Sie warten eigentlich nur noch auf den Tod. Viele der alten Leute nutzen aber auch das Freizeitangebot, obwohl es sie in der Tiefe ihrer Seele nicht wirklich ausfüllt.

Das Hauptproblem der meisten Altersheime ist, dass sie mit wenig Geld auskommen müssen. Sie können nur die Grundversorgung sicherstellen. Ihr Leben müssen die alten Menschen im Grundsatz selbst gestalten. Dazu fehlt ihnen aber sowohl die Kraft als auch das Wissen.

Als Mutter Teresa einmal ein Altersheim in Deutschland besuchte, stellte sie überrascht fest: „Die Menschen lächeln hier ja nicht.“ Von Indien her war sie glücklichere alte Menschen gewöhnt. Mutter Teresa erkannte, dass im Westen eine große seelische Armut herrscht. Sie erklärte, dass die innere Armut im Westen schlimmer ist als die äußere Armut in Indien. Für sie war die innere Armut im Westen eine der größten Herausforderungen der Zukunft.

Das Alter kann eine Zeit der Selbstverwirklichung und des Glücks sein. Aber es muss richtig gelebt werden. Die meisten Menschen haben im Alter erstmalig die Zeit, sich selbst zu leben. Aber sie missverstehen Selbstverwirklichung als den Weg des Auslebens der äußeren Bedürfnisse.

Ein Ausleben der äußeren Bedürfnisse ist eine Zeitlang interessant, aber auf die Dauer ist es eher unbefriedigend. Es macht nicht wirklich in der Tiefe der Seele glücklich. Vielmehr verkümmert die Seele , wenn man sich vorwiegend auf die Befriedigung der äußeren Bedürfnisse konzentriert. Diese Erfahrung machen die meisten alten Menschen. Ihr inneres Glück schwindet im Laufe der Jahre dahin.

Im Alter muss das innere Glück gepflegt werden

Wir sollten die Dinge klar sehen. Was gerade im Alter äußerst notwendig ist, ist der Weg des inneren Glücks. Das Alter bringt oft Energieverlust, Krankheiten, Sinnlosigkeitsgefühle und viele äußere Probleme mit sich. Die Nerven werden schwächer, und die innere Positivität läßt nach. Selbst angenehme Dinge wie Reisen, Geselligkeit, schönes Essen oder Fernsehen können nicht mehr wie in jungen Jahren genossen werden.

Im Alter muss deshalb das innere Glück intensiv gepflegt werden. Wer im Alter seinem inneren Glück nicht jeden Tag eine ausreichende Zeit widmet, sinkt ins Leid. Seine innere Freude verlässt ihn, und Krankheiten werden zu seinen ständigen Begleitern. Wer im Alter nicht jeden Tag Übungen zur Erhaltung seiner körperlichen Gesundheit, zur Pflege seines Geistes und zur Verstärkung der Liebe zu seinen Mitmenschen macht, baut sehr schnell körperlich, geistig und seelisch ab.

Früher hatten die alten Menschen Halt in ihrem Glauben und in ihrer Familie. Sie hatten mit der Betreuung ihrer Enkelkinder eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Heutzutage sind die Familien weitgehend zerbrochen. Die alten Leute leben isoliert in ihren Wohnungen oder in Altersheimen. Nur selten haben sie Kontakt zu ihren Kindern oder zu ihren Enkeln.

Früher gab es den harmonischen Alten. Er war zufrieden mit dem Ergebnis seines Lebens und genoss im Zustand der inneren Harmonie sein Alter. Er hatte seinen Glauben, seinen Garten und erzählte seinen Enkelkindern schöne Geschichten. Heute propagiert das Fernsehen eine Jugendkultur. Es macht den Alten grausam klar, dass sie in der heutigen Zeit überflüssig sind.

Die heutige Gesellschaft ist eine Selbsthilfegesellschaft. Wer sich nicht selbst hilft, der geht zugrunde. Vom Staat her gibt es eine Notbetreuung. Sie bezieht sich nur auf den Körper. Strukturen zur Pflege des Geistes und der Seele müssen wir selbst aufbauen. Wir müssen selbst das positive Leben im Alter organisieren.

Rettung gibt es. Das Wissen ist da. Die Übungen sind da. Die Bücher sind da. Wir müssen nur unsere persönliche Praxis des inneren Glücks entwickeln und sie vor allem jeden Tag konsequent praktizieren.

Die Zen-Frau

Als ich meinen Vortrag über das positive Denken in dem Alterheim hielt, fiel mir auf, dass zwei Besucher eine positive Ausstrahlung besaßen.

Die Gruppe bestand aus 17 Leuten. Davon machten 15 auf mich einen normalen Eindruck. Sie waren so wie die meisten alten Menschen. Ihre Lebensfreude war gering. Ich spürte ihre schlechte Energie. Ich spürte, wie sie am Leben litten.

Solche alten Menschen hatte ich erwartet. Wegen ihnen war ich gekommen. Sie brauchten meine Hilfe, obwohl ich die meisten geistig vermutlich nur schlecht erreichen konnte.

So war es denn auch. Das normale Chaos. Alle meckerten rum. Irgend etwas gefiel ihnen immer nicht. Entweder redete ich zu leise, oder sie verstanden etwas nicht. Oder sie waren vehement anderer Auffassung. Oder sie wußten schon alles, was ich zu erzählen hatte. Oder sie stritten sich untereinander.

Dank meiner Routine beim Sprechen vor Gruppen hatte ich nach dreißig Minuten Ordnung in das Chaos gebracht. Ich machte eine Gesprächsrunde, und jeder durfte etwas von sich erzählen. So lenkte ich sie von mir ab und beschäftigte sie mit sich selbst.

Aggressive Menschen stoppte ich, und ängstliche Menschen ermunterte ich. Ich lobte sie viel und sagte, wieviel sie doch schon alle über das Thema inneres Glück wussten. Ich gab jedem die Aufgabe herauszufinden, was er in seinem Alltag in Zukunft besser machen wollte. Welche Übungen wollte er wann jeden Tag praktizieren? Welchen Weg des Karma-Yoga wollte er gehen? So wurde die Gruppe ein Erfolg.

In der Gesprächsrunde erzählten auch die beiden alten Menschen mit der positiven Ausstrahlung von sich. Ich erfuhr, was sie in ihrem Leben anders machten als ihre Mitbewohner im Altersheim.

Die beiden waren eine alte Frau und ein alter Mann. Ihre Lebensberichte beeindruckten mich sehr. Sie machten deutlich, was wirklich hilft im Alter. Sie zeigten, dass die Lehre vom inneren Glück konkret umsetzbar ist und gute Ergebnisse hervorbringt. Diese beiden Menschen wurden für mich zu Symbolen eines positiven Lebens im Alter.

Die alte Frau hatte in ihrem Leben zum Zen-Weg gefunden. Der Zen-Weg ist eine Form des Buddhismus, bei der der Schwerpunkt auf der täglichen Meditation im Sitzen und im Gehen liegt.

Die Meditation im Sitzen kann man im Meditationssitz oder auf einem Stuhl praktizieren. Sie besteht darin, in der Ruhe zu verweilen und die Gedanken zu beobachten. So löst man seine inneren Verspannungen auf und gewinnt innere Kraft und Positivität.

Die Gehmeditation kann langsam oder schnell praktiziert werden. Auch sie besteht vor allem im Beobachten der Gedanken und Gefühle. Die Gedanken und Gefühle leben sich selbst und kommen dadurch nach einiger Zeit von allein zur Ruhe. Dann tritt man in den Zustand des inneren Friedens und der Einheit des Kosmos ein.

Die alte Frau praktizierte jeden Tag zweimal eine Stunde Zen-Meditation im Sitzen. Außerdem ging sie jeden Tag eine Stunde spazieren. Sie hatte also eine Übungszeit von täglich etwa drei Stunden. Darüber hinaus las sie regelmäßig in Zen-Büchern und entfaltete positive Aktivitäten für ihre Mitwesen.

Die alte Frau erklärte mir, dass ihr Zen-Weg ihr in ihrem Leben Halt gab und sie positiv durch das Alter trug. Der Zen-Weg war ihre Möglichkeit, im Alter ihr inneres Glück zu bewahren.

Der positive alte Mann

Der alte Mann ging den Weg des Karma-Yoga. Er hatte es sich zu seinem Lebensinhalt gemacht, positive Aktivitäten für die Menschen in seinem Altersheim zu entwickeln. Er organisierte Bastelgruppen, Musikgruppen, Spielgruppen und kleine Ausflüge. Er war es, der mich zu dem Positiv Denken-Vortrag eingeladen hatte.

Karma-Yoga stärkt das Herzchakra. Er führt zum kosmischen Bewusstsein. Wer allen hilft und sich in allen sieht (sich mit allen Mitwesen identifiziert), entwickelt ein Gefühl für die Einheit des Kosmos. Dann beginnt das Licht in ihm zu fließen. Er fühlt Liebe, Frieden und Glück in sich. Seine Erieuchtungsenergie wird erweckt. Er verwandelt sich in ein Wesen des inneren Glücks und der umfassenden Liebe. Er lebt im Licht und wirkt aus dem Licht heraus positiv für die Welt.

Karma-Yoga ist ein schwieriger Weg. Wir dürfen uns nicht unterfordern und nicht überfordern. Wir dürfen beim Helfen nicht unsere innere Energie verbrauchen. Wir müssen aus der inneren Ruhe, aus dem Sein, heraus handeln. Wir dürfen nichts zurück erwarten, weil wir uns sonst verspannen und in der Liebe blockieren. Wir müssen einerseits gut für uns sorgen und uns auch auf dem Weg des Helfens primär in unserem eigenen inneren Glück verankern.

Andererseits müssen wir so viel für unsere Mitmenschen und für eine glückliche Welt arbeiten, dass in uns das Gefühl entsteht, dass wir im Schwerpunkt für das Ziel einer glücklichen Welt leben. Erst dann entsteht das Karma-Yoga-Bewusstsein. Erst dann öffnen sich die Tore des Glücks und der Liebe in uns bis hin zur Erleuchtung.

Karma-Yoga ist ein wichtiger Weg. Er gibt unserem Leben einen tieferen Sinn. Er gibt uns eine Aufgabe, die uns erfüllt.

Karma-Yoga (der Weg der Liebe) und Hatha-Yoga (der Weg der Ruhe und der spirituellen Übungen) zusammen im persönlich richtigen Verhältnis sind der große Weg der optimalen Entwicklung des inneren Glücks.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten des Helfens. Wir dürfen unseren persönlichen Weg des Karma-Yoga finden. Welche Fähigkeiten haben wir? Wo braucht uns die Welt am dringendsten? Welche Möglichkeiten gibt es in unserem Lebensumfeld? Was bringt uns Spaß und öffnet unser Herz?

Wir können jeden Tag eine Lichtmeditation machen und anderen Menschen Licht senden. Wir können einen anderen Menschen besuchen und ihn im positiven Denken stärken. Wir können in einer gemeinnützigen Organisation mitarbeiten. Wir können Positiv-Denken-Gruppen, Meditationsgruppen oder Yogagruppen gründen. Wir können Feste organisieren, Spenden sammeln oder anderen Menschen in schwierigen Lebenslagen (Kindern, Jugendlichen, Müttern, Kranken, Obdachlosen) helfen.

Es gibt in einer leidenden Welt immer etwas zu tun. Ein Karma-Yogi muss sich nie in seinem Leben langweilen. Er muss nur überlegen, was gebraucht wird und was er persönlich gerade tun kann. Dann macht er einen guten Plan und setzt ihn konsequent um.

Es gibt den englischen  Spruch: „If life get`s boring you, risk it (Wenn das Leben dich langweilt, riskiere es/riskiere etwas).“ Mir fällt dazu der Satz ein: „Wenn das Leben dich nicht erfüllt, lebe es für das Ziel einer glücklichen Welt. Und du wirst Erfüllung finden.“

Mein Großvater

Eine große Inspiration für ein positives Leben war für mich mein Großvater. Er hat sein Leben aktiv gestaltet. Er ist 94 Jahre alt geworden. Er hat mit großer Kraft sein Leben gemeistert, obwohl er es oft nicht leicht gehabt hat. Als junger Mann hat er im ersten Weltkrieg in Russland und in Frankreich gekämpft. Er war Soldat bei der kaiserlichen Garde.

In Frankreich wurde er schwer verwundet. Seine Beine wurden durch eine Granate so zerstört, dass er Zeit seines Lebens nur mühsam humpeln konnte. Trotzdem hat er nicht aufgegeben.

Nach dem Krieg wurde er Kommunist. Ihn faszinierte das Ziel einer glücklichen Welt, in der alle Menschen gleich sind. Es gibt keine Armen und keine Reichen. Alle haben materiell genug und leben in Frieden, Freiheit und Glück.

Die große Vision der französischen Revolution lautete: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“ Das ist ein großes Ziel, für das es sich zu leben lohnt. Es kann aber nur verwirklicht werden, wenn die Idee der äußeren Gleichheit der Menschen mit der Weisheit vom inneren Glück verbunden wird.

In vielen Mönchs- und Yogi-Gemeinschaften auf der Welt herrscht Gütergemeinschaft. Das funktioniert, weil der Schwerpunkt des Lebens in der Spiritualität gesehen wird. Der Fehler von Karl Marx war es, die Bedeutung des inneren Glücks und der Spiritualität nicht erkannt zu haben. Deswegen musste seine Lehre letztlich scheitern, obwohl sie viele gute Grundsätze beinhaltet.

Dieses konnte mein Großvater nicht erkennen. Es ist ihm nicht vorzuwerfen. Die spirituelle Entwicklung war in seiner Zeit noch nicht weit genug vorangeschritten. In der heutigen Zeit wäre es jedoch gut, wenn die für soziale Gerechtigkeit eintretenden Parteien sich auf die Weisheit vom inneren Glück besinnen würden. Dann könnten sie erheblich mehr Gutes für die Welt bewirken. Sie müssten sich nicht immer so intensiv streiten, weil sie die Neurosen in ihrem eigenen Geist besser erkennen würden. Sie könnten die politische Arbeit mit der Arbeit an der eigenen Seele verbinden. Das würde ihnen selbst, ihren Parteien und der ganzen Welt sehr gut tun.

Mein Großvater nahm am Hamburger Aufstand teil. Die Kommunisten versuchten, in Hamburg die Macht zu übernehmen. Der Aufstand wurde vom Staat niedergeschlagen. Mein Großvater musste für ein Jahr ins Gefängnis. Das war für ihn auch ein großes Glück. Er gewöhnte sich dort das Spazierengehen an. Alle Gefangenen mussten zweimal am Tag im Hof spazierengehen, damit sie gesund blieben. Diese Gesundheitspraxis hat mein Großvater sein ganzes Leben lang beibehalten. Er ging auch im Alter jeden Tag zweimal eine Stunde spazieren. Er blieb deshalb im Alter weitgehend gesund. Er wurde von Krankheiten weitgehend verschont. Und er wurde sehr alt. Den größten Teil seines Lebens war er körperlich fit.

In der Nazizeit war mein Großvater im Widerstand aktiv. Nur durch einen Zufall wurde er nicht entdeckt. Alle seine Freunde wurden verhaftet. Aber mein Großvater wurde durch eine Nachbarin gewarnt, als er auf dem Weg zu dem Treffen seiner Widerstandsgruppe war. Er kehrte sofort um und war gerettet. Trotzdem hatte er es in der Zeit des Nationalsozialismus schwer, weil seine politische Einstellung allgemein bekannt war. Er bekam keine Arbeit. Er musste sich und seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.

Nach dem zweiten Weltkrieg war mein Großvater weiterhin politisch aktiv. Aber Ende der fünfziger Jahre wurde die kommunistische Partei in Deutschland verboten. Mein Großvater gab daraufhin seine politischen Aktivitäten völlig auf. Doch jetzt fehlte ihm etwas. Seine politischen Ziele hatten seinem Leben einen tieferen Sinn gegeben. Einen solchen Sinn hätte er im Alter sehr gebraucht. Er hätte ihn durch das Alter getragen. Er hätte auch im Alter eine positive Aufgabe gehabt.

So blieben ihm nur sein Beruf und seine Beziehung. Mit 65 endete sein Berufsleben. Mein Großvater ging in Rente. Einige Zeit später starb meine Großmutter. Jetzt hatte er keinen tieferen Lebenssinn mehr. Er lebte nur noch oberflächlich. Sein Geist verkümmerte. Mein Großvater baute geistig relativ schnell immer mehr ab.

Hat ein Mensch im Alter keine tieferen Interessen, fehlt ihm die Motivation, seinen Geist intensiv zu beschäftigen. Wird das Gehirn nicht regelmäßig trainiert, schrumpft das Denkvermögen sehr schnell auf ein Minimum seiner früheren Möglichkeiten. Genau das konnte ich bei meinem Großvater sehr deutlich beobachten. Er war früher geistig sehr wach und interessierte sich im Alter nach einiger Zeit kaum noch für irgend etwas. Zum Schluss erkannte er nicht einmal mehr mich, wenn ich ihn besuchte. Das hat mich sehr erschüttert.

Ich habe lange über meinen Großvater und seinen Weg, sein Alter zu verbringen, nachgedacht. Ich habe von ihm gelernt, dass man einen tieferen Lebenssinn im Alter braucht. Dieser Lebenssinn kann ein Hobby, eine gemeinnützige Arbeit oder die Mitarbeit in einer politischen Partei sein.

Der beste Weg sein Alter zu nutzen ist nach meiner Ansicht der spirituelle Weg. Alle großen erleuchteten Meister raten dazu das Alter zu einer Zeit der intensiven Spiritualität zu machen. Im Yoga ist es Tradition, dass man im Alter von 60 Jahren sein weltliches Leben beendet und die Spiritualität in den Mittelpunkt seines Lebens stellt.

Das wirklich Tragische im Leben meines Großvaters war, dass er den Weg des inneren Glücks nicht kannte. Er wusste nichts von der Möglichkeit des Wachstums im inneren Glück und der spirituellen Selbstverwirklichung. Mein Großvater hatte so viel Kraft und Zähigkeit. Er war ein Meister von schwierigen Situationen. Er hatte ein langes Alter und war die meiste Zeit gesund. Er hätte leicht zur Erleuchtung gelangen können. Er ging ohnehin schon jeden Tag zwei Stunden spazieren. Er hätte nur noch regelmäßig spirituelle Bücher lesen und zweimal am Tag längere Zeit meditieren müssen.

Wenn er das zehn oder zwanzig Jahre durchgehalten hätte – und mein Großvater hatte die Kraft dazu – dann wäre er zur Selbstverwirklichung gekommen. Er hätte den Rest seines Lebens im Licht und im inneren Glück verbracht. Er hätte den vielen leidenden Menschen im Altersheim helfen können. Er hätte das ganze Altersheim mit Licht, Frieden und Liebe füllen können.

Es war das Schicksal meines Großvaters, dieses alles nicht zu erreichen, nur weil er die Gnade des Wissens vom spirituellen Weg nicht besaß. Er wird es in einem zukünftigen Leben realisieren. Aber wir, wir leben jetzt. Und wir haben alles Wissen, das wir brauchen, um den spirituellen Weg bis zur Selbstverwirklichung zu gehen.

Nutzen wir unser Alter. Konzentrieren wir uns nicht auf das Leid, sondern auf das Licht. Machen wir unser Alter zu einer Zeit des inneren Wachstums, der Selbstverwirklichung und des Lebens im Licht. Verbringen wir unser Alter nicht als Bettler, sondern als Buddha.

Die Kunst der täglichen Motivation

In einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums steht der Aufruf: „Viele alte Menschen fühlen sich nicht wohl, weil sie mit ihrem Alter nichts anfangen können. Sie langweilen sich, kommen sich überflüssig vor, haben viel Zeit und sind einsam. Ob sie im Alter gesund bleiben und sich wohl fühlen, das hängt ganz wesentlich von ihnen selbst ab. Wer gesund lebt, der hat die besten Voraussetzungen dafür, sich auch im Alter noch jung zu fühlen. Nicht weniger wichtig als die körperliche Gesundheit ist die geistige und seelische Gesundheit. Überlegen sie sich frühzeitig, wie und womit sie sich im Alter beschäftigen. Bereiten sie sich gut auf das Alter vor.“

Damit wir uns im Alter wohl fühlen, brauchen wir als erstes klare Ziele. Als zweites brauchen wir einen klaren Weg der Umsetzung, und als drittes müssen wir uns geschickt immer wieder jeden Tag positiv motivieren.

Unsere drei Hauptziele im Alter sind körperliche Gesundheit, geistige Fitness und seelisches Wohlgefühl. Damit wir körperlich gesund bleiben, müssen wir jeden Tag unsere Gesundheitsübungen machen. Wir brauchen jeden Tag etwas Ausdauertraining (Sport, Gehen, Radfahren, Schwimmen) und etwas Yoga (Gymnastik, Tai Chi, Hatha-Yoga). Darüber hinaus sollten wir uns auch gesund ernähren. Wir sollten viel Obst und wenig Kalorien (Fett) essen und Zusatzvitamine (eine Vitaminpille täglich) einnehmen.

Geistige Fitness und seelisches Wohlgefühl erhalten wir durch das tägliche Lesen in einem spirituellen Buch (mindestens eine Stunde), durch ausreichende Kontakte (eine spirituelle Gruppe, persönliche Freundschaften) und durch eine positive Aufgabe im Alter. Unsere Aufgabe kann es sein, unseren Mitmenschen zu helfen (Karma-Yoga) oder an der eigenen Selbstverwirklichung zu arbeiten (Hatha-Yoga).

Für das seelische Wohlbefinden ist die tägliche Meditation sehr wichtig. Dadurch kommen wir in uns zur Ruhe, lassen unsere Sorgen und Ängste los und erreichen inneren Frieden. Im Alter sollten wir jeden Tag eine bestimmte Zeit meditieren. Für Anfänger empfiehlt Swami Shivananda zweimal täglich 15 Minuten. Fortgeschrittene sollten zweimal täglich eine Stunde meditieren.

Wenn wir unser tägliches Glücksprogramm festgelegt haben, brauchen wir noch einen guten Weg der Motivierung. Die tägliche positive Motivation ist die Essenz eines erfolgreichen Alters. Unsere schönen Ziele und unser schöner Tagesplan nützen uns nichts, wenn wir sie nicht langfristig umsetzen. Das ist sehr schwer im Alter, weil uns immer wieder negative Gedanken von unserem positiven Weg abbringen wollen. Damit müssen wir rechnen, und dagegen müssen wir uns konsequent wehren.

Es werden Gedanken auftauchen wie: „Das schaffe ich ja doch nicht. Heute habe ich keine Lust. Das ist mir alles zu anstrengend. Umfassende Liebe können Heilige praktizieren. Ich liebe es, ein Egoist zu sein. “ Uns werden Zweifel befallen: „Was die Wissenschaftler herausgefunden haben, glaube ich alles nicht. Ich glaube an das Fernsehen und die Menschen in den Spielfilmen. Die sind alle klug und wissen, wie man in seinem Leben glücklich wird.“

Hier darfst du lachen. Du weißt natürlich genau, dass die Menschen in der Filmwelt in ihrem privaten Leben überwiegend unglücklich sind. Sie leiden unter zerstörten Beziehungen, Drogenkonsum und Gefühlen der Sinnlosigkeit.

Wie überwindet man Zweifel und  negative Gedanken? Durch klares Nachdenken! Wenn negative Gedanken auftauchen, dann denken wir darüber nach, ob sie wahr sind. Wir verdrängen unsere Zweifel nicht, sondern setzen uns konstruktiv mit ihnen auseinander. Was sagen unsere Vernunft und unsere Lebenserfahrung? Was ist richtig, und was ist falsch? Notfalls holen wir weitere Informationen ein. Wir fragen wissende Menschen und lesen in Büchern nach.

Wir müssen sehr geschickt sein, wenn wir nicht ein Opfer unserer negativen Gedanken werden wollen. Dieses Geschick können wir entwickeln. Buddha hat sieben Ratschläge zur Bekämpfung von Trägheit und Müdigkeit auf dem spirituellen Weg entwickelt.

Der erste Ratschlag ist, sich nicht darum kümmern. Trägheit und Müdigkeit treten normalerweise manchmal auf dem spirituellen Weg auf. Wir machen einfach konsequent weiter unsere Übungen. Wir folgen dem vorgesehenen Tagesplan. Nach einiger Zeit wird die Müdigkeit verschwinden.

Der zweite Ratschlag von Buddha besteht darin, gründlich über den spirituellen Weg nachzudenken. Wir motivieren uns durch positive Vorbilder. Wir lesen in einem spirituellen Buch. Wir sehen uns den vor uns liegenden Tag an und überlegen, mit welcher Strategie wir optimal durch den Tag kommen. Welcher Gedanke lässt uns heute siegen? Wir bilden einen positiven Tagesvorsatz und denken ihn einige Male.

Der dritte Ratschlag von Buddha ist, es Yoga zu machen. Wir wecken unsere Energie mit Yoga-Übungen. Wir aktivieren mit Visualisierungen und Mantras die Energie unserer Chakren. Wir meditieren auf den Sternenhimmel, das Glück aller Wesen, den Kosmos oder auf unser spirituelles Vorbild.

Der vierte Rat ist es, spazieren zu gehen. Regelmäßiges Gehen gibt innere Kraft. Deshalb werden im Buddhismus zwischen den einzelnen Sitzmeditationen immer wieder Gehmeditationen praktiziert.

Wenn alle diese Techniken nicht helfen, ist man vielleicht tatsächlich müde. Dann empfiehlt Buddha, eine Pause einzulegen. Wer zu wenig ruht, wird müde. Aber auch wer zuviel ruht, wird müde. Wir müssen den für uns optimalen Rhythmus von Ruhe und Aktivität finden.

Die sechste Technik besteht darin, den Körper mit kaltem Wasser abzureiben. Kaltes Wasser macht munter.

Der siebte Rat ist es, sich geistig mit den erleuchteten Meistern zu verbinden. Die Meister können uns hilfreiche Gedanken und positive Energie senden. Sie können uns in einer schwierigen Situation durch unsere innere Stimme einen erfolgreichen Weg durch die schwierige Situation finden lassen.

Buddha selbst hat auf diese Weise seinem Schüler Moggallana geholfen. Als Moggallana auf seinen Meister meditierte, löste sich bereits ein Teil seiner Müdigkeit auf. Dann dachte Moggallana gründlich über seine Situation nach. Ihm fiel eine gute Strategie ein, durch die er zu einem Sieger auf seinem spirituellen Weg wurde.

Für mich selbst ist eine große Hilfe gegen Müdigkeit und Trägheit die tägliche Praxis des Karma-Yoga. Wenn ich meine Bücher schreibe, meine Gruppen mache oder sonst irgend etwas für meine Mitmenschen tue, fällt meistens schnell alle Trägheit von mir ab. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag mindestens zwei Stunden für meine Mitmenschen zu arbeiten.

Eine weitere große Hilfe ist die Musik. Ich höre gerne Radio und werde dadurch schnell munter. Swami Shivananda sang jeden Tag Kirtans (spirituelle Lieder) und erzeugte dadurch gute Laune.

Mein letzter Tipp ist es, etwas Schönes zu tun. Was erfreut dich? Was muntert dich auf? Pflege auch den Genuss auf deinem spirituellen Weg. Stelle eine Blume auf deinen Tisch. Mache dir etwas Gutes zu essen. Sieh dir einen schönen Film im Fernsehen an. Surfe etwas im Internet. Lies ein spannendes Buch. Male ein farbenfrohes Bild. Schreibe heitere Gedichte. Triff nette Menschen.

Im Fußball siegt der Trainer, der seine Mannschaft am besten motivieren kann. Auf dem spirituellen Weg siegt der Mensch, der seine Gedanken-Mannschaft gut im Griff hat. Wer seine Gedanken immer wieder auf seine positiven Ziele ausrichtet, sich mit positiven Sätzen motiviert, die jeweils richtige Strategie findet, seine Ausdauer bewahrt und auch bewusst das Schöne lebt, der lebt als Sieger.

Wer positiv lebt, den belohnt das Leben. Wer konsequent seinen spirituellen Weg geht, der gelangt eines Tages ins Licht. Mögen wir alle im Licht leben. Mögen wir alle glücklich sein, inneren Frieden und viel innere Kraft haben.

Programm zur Gesunderhaltung

Wer seinen Körper, seinen Geist und seine Seele im Alter gesund erhalten möchte, der sollte mindestens drei Stunden jeden Tag Übungen praktizieren.

Für den Körper sind Ausdauertraining (Sport, Gehen, Gymnastik) und eine gesunde Ernährung wichtig. Für den Geist ist das tägliche Lesen in einem spirituellen Buch (positives Denken, tägliche Gedankenarbeit) wichtig. Für die Seele ist die tägliche Meditation und Gutes tun (Karma-Yoga) wichtig.

Wie lange wir die Übungen im Einzelnen praktizieren und wo wir unsere Schwerpunkte setzen, hängt von unseren persönlichen Bedürfnissen ab. Gut ist es, jeden Tag eine Stunde (oder zweimal eine halbe Stunde) spazierenzugehen. Notfalls können wir auch auf einem Heimfahrrad unseren Körper trainieren oder dynamische Gymnastik (Hatha-Yoga, Sonnengebet, Niederwerfungen) machen.

Die Geschwindigkeit beim Gehen sollte mittelschnell sein. Sehr gut ist, es beim Gehen Mantras (positive Sätze) oder Meditation (Gedankenstopp) zu praktizieren. Du kannst „Yoga-Walking“ aus meinem Buch „Yoga und Meditation“ ausprobieren. Wenn es dir gut tut, bleibe dabei.

Wir sollten ebenfalls jeden Tag eine Stunde (oder morgens und abends jeweils eine halbe Stunde) in einem spirituellen Buch lesen. Lesen trainiert den Geist und richtet die Gedanken positiv aus. Es gibt viele gute spirituelle Bücher. Wir können das Lesen jeden Tag zu einer anregenden und spannenden Beschäftigung machen.

Mindestens zweimal am Tag sollten wir im Sitzen oder Liegen meditieren (Muskelentspannung, Zen, Autogenes Training). In meinem Buch „Yoga und Meditation“ findest du viele verschiedene Meditationen. Suche dir eine davon aus oder praktiziere nacheinander immer wieder deine Lieblingsmeditationen. Am Anfang solltest du zweimal eine viertel Stunde und als Fortgeschrittener eine halbe bis eine Stunde meditieren.

Überlege dir deinen persönlichen Tagesplan der Gesunderhaltung. Und halte dich jeden Tag streng daran, damit du deine Gesundheitspraxis nicht wieder verlierst. Finde heraus, was dir persönlich gut tut und was dir am besten hilft.

Effektives Üben besteht darin, dass du jeden Tag das tust, was du gerade brauchst. Bleibe beim Üben immer auf die Effektivität konzentriert. Was löst gut deine Verspannungen? Was tut dir jetzt gut? Was läßt dich spirituell wachsen?

Entwickle kreativ die für dich optimale Form des spirituellen Übens. Passe die Übungen immer wieder deinen momentanen Bedürfnissen an. Gehe jeden Tag auf dem schmalen Grat der optimalen Effektivität. Bitte im Zweifel die erleuchteten Meister um Hilfe und folge dann deiner inneren Stimme. Lebe deinen spirituellen Weg mit innerem Gespür, und du wirst siegen.

Einmal in der Woche solltest du an einer spirituellen Gruppe teilnehmen oder selbst eine Gruppe gründen. Das kann eine Gesprächsgruppe (positives Denken), eine Meditationsgruppe oder eine Yoga-Gruppe sein. Eine wöchentliche Gruppe wird dir einen guten emotionalen Halt geben und dir Kraft für deinen spirituellen Weg schenken.

Und vor allem verbinde dich morgens und abends mit den erleuchteten Meistern. Du kannst dir ein spirituelles Vorbild aussuchen, das dir innere Kraft gibt (Buddha, Jesus, Shiva, Amitabha, Lakshmi). Visualisiere deinen Meister, denke seinen Namen und bitte ihn um Führung und Hilfe für den Tag. Lebe in der Energie deines Meisters und gehe mit seiner Führung durch den Tag.

Swami Shivananda lehrte: „Sadhana ist jede spirituelle Praxis, die dem Menschen hilft, sich selbst zu verwirklichen. Sadhana ist der höchste Reichtum. Es ist das einzige, was einen bleibenden Wert besitzt. Tu es jetzt. Denn später ist es vielleicht zu spät.“